Die fünfte Kolonie

Die fünfte Kolonie 09.November - 12.November 2017

Die fünfte Kolonie

Weder Anfang noch Ende

 

Wir schreiben das Jahr 1490 des Eynen. Seit nunmehr zehn Jahren ist das Reich mit diesem Keyser geschlagen, der den Thron bestieg, ehe er des Laufens mächtig war und den zarten Kindheitstagen noch immer nicht entwachsen ist.

 

An diesem Tage sind es genau zehn Jahre, die unser hoheitliches Knäblein einsam in dem düsteren Marmorgrab des keyserlichen Palastes verbracht hat, umgeben von den ewig emsigen, niemals ruhenden Klauen, Augen und Zungen des Lord-Protektorats. Kaum vermag ein schwacher Nachhall der einst so kräftigen Stimme des Königshauses der alten Tage aus den dicken Mauern zu dringen, die heute nicht mehr sind als ein behütender Käfig.

 

Doch was hilft das Jammern? Auch in den entlegensten Winkeln des Reiches spürt man den frischen Wind, der aus der Hauptstadt zu uns weht, und auch wenn es hier in diesen gottlosen Kolonien nur noch ein schwacher Windhauch ist, mag ein kluger Kopf die Zeichen deuten: Unter der Herrschaft der Lord-Protektoren erreicht das Imperium in diesen Tagen einen nie dagewesene Prosperität, eine starke Politik der Expansion, und wer heute zu den Fahnen aufsieht, denkt nicht ohne Stolz an den Fortschritt – insofern er keinen Anstoß nimmt an der Machtübergreifung dieser Herren.

 

Die scharlachroten Banner des Königshauses hingegen scheinen bei jedem Blick dahinzuschmelzen, fransen schwach und kraftlos neben den Fahnen und Wimpeln der Provinzen und Kolonien. Doch das wachsende Reich stößt an seine Grenzen, trägt die Krankheit schon im Leib, ohne sich dessen während des strikten Vorwärtsmarsches bewusst zu sein. Die Besessenheit der Protektoren von Macht und Fortschritt trifft auf die Kirche des Eynen, deren Friedfertigkeit und Sanftheit nicht ewig andauern wird. Noch scharen sich die Verlassenen, Armen und Schwachen, das vergessene Volk des Imperiums unter ihre tröstenden Rockfalten, doch der stetige, unbarmherzige Wandel dieser Zeit treibt die Schäfchen hinaus in das Dunkel der Ungewissheit.

Der Machthunger des Protektorats hat viele unserer unseligen Nachbarn vor eine schlichte Wahl gestellt: Diene oder Stirb.

 

Gewiss, ich bin ein gebildeter Mann. Und doch sehe ich mich außerstande, ihnen weiterhin dabei zuzusehen, wie sie in den schwindenden Reservaten die letzten, rasselnden Atemzüge ihrer gottlosen Kultur erleben. Es muss einen Grund dafür geben, und es wird ein guter sein. Es liegt mir fern, mich gegen die Entscheidungen des Lord-Protektorats aufzulehnen, doch ich bin innerlich ausgebrannt und kann nur hoffen, dass mein Nachfolger dieser Aufgabe besser gewachsen ist als ich. Der Eyne möge seiner Seele gnädig sein.

Dies ist mein letzter Eintrag vor der Abreise im Morgengrauen.

 

Auszug aus den nicht veröffentlichten Chroniken des Protektorats

Letzter eintrag von Hochchronist Invar

Der Chronist verscheucht eine der allgegenwärtigen Mücken mit einer trägen, wedelnden Handbewegung und schenkt seinem Gehilfen ein spöttisches Lächeln.

 

„Das ist unsere Geschichte, und sie spielt ausgerechnet am Rand der Welt, an einem dieser verdammten Reservate, mitten im Sumpf, die Stiefel halb versunken im Morast. Und anstatt die Zelte endgültig abzubrechen, bewilligen die feinen Herren der Lord-Protektoren eine weitere Expedition. Im Schatten der Bäume tanzen noch immer die Wilden, und ganze Siedlungen werden von der Nacht verschluckt. Aber aufgeben kommt für sie nicht infrage. Das Licht des Imperiums soll den Wilden komme was wolle zum Geschenk oder zum Fluch gemacht werden. Da heißt es noch, der Eyne sieht alles, und die eitlen Pfaffen seiner Gnaden wachen mit Argusaugen darüber, dass die zivilisationsbringende Fackel des Imperiums nicht durch einen weiteren … Ausrutscher ins Flackern kommt.“

Grunzend tut der Chronist seinen Unmut kund, und der Gehilfe schweigt ergeben.

„Ein Sumpf voller Leichen ist des Keysers unwürdig. Also beginnt es von Neuem: Unter der Fahne der falschen Hoffnungen sammeln sich Glücksritter, Forscher, Abenteurer, Händler, Söldner und allerlei fadenscheiniges Gesinde im stinkenden, sich dahinwälzenden Tross, um das Land der Wilden mit eigenen Augen zu sehen, weil sie den falschen Verheißungen des Goldes der Lord-Protektoren erlegen sind oder um der einzughaltenden Gerichtsbarkeit noch für einen weiteren Augenblick zu entkommen. Schau sie dir an, wie sie uns entgegen kommen, mit Zuversicht und Neugier in den verschwitzten Gesichtern. Na, wir werden sehen, wie lange es diesmal anhält.“

 

Als der Chronist Anstalten macht, sich von der Bank zu erheben, springt der Gehilfe auf, um ihm einen Arm als Stütze anzubieten.


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